„Inkontinenz ist schon lange kein Schicksal mehr!“

Kontinenzschwester Gisela SchönRedaktion: Liebe Frau Schön, Sie sind von Beruf Kontinenzschwester. Was kann man sich darunter vorstellen?

Frau Schön: Das ist eine bestimmte Zusatzausbildung zum Pflegeberuf, die sich auf die Pflege, Beratung und Betreuung von Menschen mit Kontinenzproblemen spezialisiert. Kontinenz bezieht sich hierbei sowohl auf Harn- als auch Stuhlkontinenz. Betreffend der Blase habe ich mit Patienten zu tun, die unter einer „Blasenschwäche“ leiden, wie es oft im alltäglichen Sprachgebrauch bezeichnet wird.

Redaktion: Was sind Ihre Haupttätigkeiten?

Frau Schön: Im Zentrum meiner Tätigkeit steht die fachspezifische Beratung von Inkontinenz- Betroffenen und (pflegenden) Angehörigen. Dazu gehört die Information über Therapiemöglichkeiten aus pflegerischer Sicht, die Vermittlung an Fachambulanzen, Unterstützung und Durchführung der ärztlich verordneten Therapie, Schulung und Anleitung der Betroffenen und Angehörigen und die Beratung im Umgang mit dem ökonomischen Einsatz von Hilfsmitteln.

Redaktion: Das Thema „Inkontinenz“ ist gesellschaftlich mit einem großen Tabu und zahlreichen falschen Annahmen über die Therapierbarkeit behaftet.

Frau Schön: Das ist richtig. Es zählt zu den größten Irrtümern der Allgemeinbildung, dass Inkontinenz ein Schicksal ist, mit dem man im Alter unweigerlich konfrontiert wird und mit dem man sich abfinden muss. Vergessen Sie beides am besten auf der Stelle, ganz gleich ob Sie selbst von Inkontinenz betroffen sind oder jemand in Ihrem Umfeld. Nachdem ich ein Berufsleben lang in der Kontinenzberatung tätig war, kann ich Ihnen aus erster Hand berichten: Es ist nicht die Krankheit selbst, die für Betroffene eine schwere Bürde darstellt, sondern eben dieser Irrglaube und eine unglaublich große Scham, die Betroffene oft jahre- oder jahrzehntelang davon abhält, sich jemandem zu öffnen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Inkontinente Menschen entwickeln aus Scham zumeist auf eigene Faust Strategien und Hilfsmittel, um mit dem Verlust an Lebensqualität besser umgehen zu können.

Dabei ist Inkontinenz schon lange kein Schicksal mehr. Es gibt heutzutage vielfältige Therapiemaßnahmen und jede Form der Inkontinenz kann damit verbessert und oft sogar geheilt werden.

Redaktion: Wie äußert sich nun das Beschwerdebild der überaktiven Blase, wie der medizinische Fachbegriff lautet, und welche Formen gibt es?

Frau Schön: Menschen, die an einer überaktiven Blase (ÜAB) oder auch Dranginkontinenz leiden, verspüren einen Harndrang, der oft so intensiv ist, dass sich die Blase entleert, bevor die Toilette erreicht werden kann. Typisch für den Beginn einer Dranginkontinenz/ÜAB ist, dass sich der komplette Blaseninhalt auf einmal entleert. Gegen diese große Menge an Harnverlust können die Betroffenen in der Situation selbst so gut wie nichts tun. Aus diesen Gründen ist bei dieser Inkontinenzform das Gefühl der Hilflosigkeit besonders groß. Die Dranginkontinenz oder überaktive Blase ist die zweithäufigste Form. Sie tritt bei Frauen und Männern gleich häufig und besonders im höheren Lebensalter auf und kann verschiedene Ursachen haben.

Davon zu unterscheiden ist die Belastungsinkontinenz (auch Stressinkontinenz). Sie betrifft den ungewollten Harnverlust z.B. beim Husten oder Niesen und hat ihre Ursache in einer Beckenbodenschwäche.

Redaktion: Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für Betroffene einer überaktiven Blasen mit oder ohne Inkontinenz (ungewollter Harnverlust)? Welche Rolle spielt die frühzeitige Therapie für den Behandlungserfolg?

Frau Schön: Gleich vorweg, die Therapie einer Dranginkontinenz (überaktiven Blase) erfolgt in der Regel nicht operativ. Medikamente, die auf den Blasenmuskel wirken, Verhaltenstherapien wie Blasen- oder Toilettentraining, Beckenbodentraining und Elektrostimulation sind die Mittel der Wahl.

Wichtig zu wissen ist, dass eine Besserung Zeit braucht, die Therapie erfordert von den Betroffenen und den betreuenden Personen Geduld, da die Beschwerden meist schon lange Zeit bestehen, unbewusst falsches Blasenentleerungs-Verhalten erlernt wurde und es daher auch eine Weile braucht, bis sich der Körper wieder umstellt.

Deswegen, setzen Sie Ihre Therapie nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt ab, die Wirkung kann einige Zeit dauern! Sprechen Sie ggf. auch über unangenehme Nebenwirkungen, denn Ihr Arzt hat zu den gängigen Präparaten Alternativen! In den meisten Fällen ist es auch nicht ausreichend nur ein Medikament einzunehmen. Vielmehr ist eine Kombination mehrerer Maßnahmen und eine regelmäßige ärztliche Führung und fachliche Begleitung erforderlich. Dadurch ist es möglich, selbst kleine Therapieerfolge zu erkennen, zu würdigen und in neue Motivation für den weiteren Behandlungsweg umzuwandeln.

Und, wie bei vielen Beschwerden gilt, je früher eine Therapie begonnen wird, desto kürzer ist in den meisten Fällen die Heilungsphase.

Redaktion: Im Zusammenhang mit der Blase wird immer wieder der Beckenboden oder die Beckenbodenmuskulatur genannt. Was ist der Beckenboden und wie kann dessen Training den Betroffenen helfen?

Frau Schön: Der Beckenboden ist ein Muskel im unteren Becken, der die Organe in diesem Bereich wie Blase, Darm und bei Frauen die Gebärmutter in der korrekten Position hält. Er hat damit eine wesentliche Stützfunktion damit die Organe nicht aufgrund der Schwerkraft „nach unten rutschen“. Ist der Beckenbodenmuskel geschwächt oder geschädigt, z.B. bei Frauen nach Geburten, kann er seine Stützfunktion nicht mehr (ausreichend) erfüllen und die Organe werden nicht mehr in ihrer anatomisch korrekten Lage gehalten. Dies macht sich dann bemerkbar, wenn z.B. beim Husten oder Niesen Druck im Unterbauch entsteht und dieser Druckanstiegt, den der Beckenbodenmuskel nicht mehr halten kann, zu ungewollten Harnverlust führt (=Harninkontinenz).

Redaktion: Frau Schön, was raten Sie Lesern, die denken, an einer überaktiven Blase zu leiden?

Frau Schön: In jedem Fall seinen Haus- oder Facharzt aufzusuchen und seine Beschwerden abzuklären. Oftmals geht die Diagnose schnell und unkompliziert. Sie brauchen sich nicht zu schämen, dieses Thema bei Ihrem Arzt anzusprechen, denn Sie sind damit nicht alleine!

Helfen Sie Ihrem Arzt bei der Diagnose und führen Sie vor dem Arztbesuch zwei Tage lang ein Blasentagebuch, bei dem Sie Ihre Harnentleerung dokumentieren und/oder machen Sie einen Selbsttest.

Redaktion: Welche praktischen „Alltagstipps“ haben Sie für Betroffene?

Frau Schön: Um den Alltag mit Inkontinenz meistern zu können, ist es sehr wichtig, sich nicht nur mit dem eigentlichen Problem der Inkontinenz sondern auch mit seinen Begleiterscheinungen wie Ausgrenzung auseinanderzusetzen.

Die Vorbehalte vieler Menschen gegenüber dieser Erkrankung können Sie nicht beseitigen. Sie können sich jedoch folgende Tatsachen bewusst vor Augen halten: erstens, Sie sind nicht schuld an Ihrem Problem und zweitens, Ihr Problem wird aber auch nicht von alleine verschwinden!

Stecken Sie nicht Ihre Kräfte in Überlegungen, wie Sie Ihr Problem vor anderen verheimlichen können. Nützen Sie stattdessen Ihre Energien, um möglichst rasch bei Experten kompetente Hilfe zu finden, die auch menschlich und fachlich Ihrem Problem gewachsen sind. Suchen Sie daher bei den ersten Anzeichen einer Ausscheidungsstörung Hilfe auf.

Sie finden bei der Medizinischen Kontinenz Gesellschaft Österreichs und bei den Kontinenz und Stoma Beraterinnen Österreichs Adressen und Telefonnummern von Experten die ihnen in ihrer näheren Umgebung weiterhelfen können. Auch eine telefonische, anonyme Beratung ist möglich.

Redaktion: Danke, Frau Schön für dieses Gespräch!